Von Menschen, Reisen und Kaffee

Es gibt Orte, da verweilen die Menschen nicht lange. Sie kommen, weil sie müssen, denn sie befinden sich auf der Durchreise. Für einen flüchtigen Moment tragen sie dann, so wie ihr Reisegepäck, einen kleinen Teil ihrer Lebensgeschichte in diese Bar hinein. Manche reisen mit leichtem Gepäck und knallen es für alle anderen unüberhörbar auf den Tresen: „Mein Zug geht in wenigen Minuten, bitte beeilen sie sich mit meinem Espresso“. Der Espresso ist für diese Art von Reisenden wie eine zweite Fahrkarte, weil sie den starken, kurzen Kick brauchen und weil es schnell gehen muss. Andere kommen leiser daher, nehmen einen Tisch für sich ein und breiten sich aus. Sie legen ihre Taschen ab, hängen Teile ihrer Kleidung über mehrere Stühle, verteilen ihre Brille, ihr Handy und das noch nicht zu Ende gelesenes Buch auf dem Tisch und werden heimisch. Und dann bestellen sie entweder koffeinfreien Kaffee – wegen der Nerven –,  oder trinken Tee mit Milch – etwas aristokratisch. Die ganz Mutigen oder Aufgeschlossenen unter ihnen versuchen sich sogar an den neusten Geschmacksvariationen eines Chai-Latte oder den hausgemachten eisgekühlten Limonaden.

So auch an einem heißen Tag im Juni, an dem viele Menschen der sengenden Hitze für einen kurzen Moment zu entkommen versuchten und sich die Bar in großer Geschwindigkeit füllte. Alle Tische waren bereits besetzt und die Gäste standen in mehreren Reihen vor der Theke. Wie durch ein Wunder hatte es auch ein ‚Chai-Latte’ bis ganz nach vorne geschafft und sich ohne Zögern wie in konzentrischen Kreisen ausgebreitet. Kurze Zeit später, nach einigem Schieben und Drängen, kam auch ein ‚Espresso’ dort an und ohne es zu bemerken, störte er diese Kreise empfindlich ... 

... Er hielt, wegen der Hitze, sein Jacket über den linken Arm und als er sich ein wenig weiter  nach rechts drehte, gab es einen kleinen Knall und etwas war zu Boden gefallen.

„Entschuldigung“, sagte die Frau mit dem Chai in der Hand, „Sie haben mein Handy, meine Brille und mein Etui runtergeschmissen.

„Was unvermeidlich ist“, antwortete er, während er die Sachen aufhob. „Unglaublich, welche Kreise Sie hier ziehen, wir sind hier in einer Bar  und nicht ...“

„Wo nicht?“, unterbrach Sie ihn schnippig.

„Naja, nicht an einem Badestrand. Sie sind doch bestimmt auch so eine, die morgens als erste da ist und dann drei Stunden ihr Leben dort ausbreitet, bevor Sie sich ein wenig entspannen können!“

Die Frau schüttelte ungläubig den Kopf.  „Ja und Sie gehören bestimmt zu diesen Joggern, die wahnsinnig ambitioniert und durchtrainiert morgens um sieben am Strand herlaufen, weil sie danach ganz schnell busy, busy in ihr wahnsinnig wichtiges Leben zurückeilen müssen“.

„Tja“, meinte er und konnte sich ein Grinsen jetzt kaum unterdrücken, „morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung!“

Sie lachte. „Oh mein Gott“, dass Sie diesen Filmtitel jetzt bringen, hätte ich Ihnen echt nicht zugetraut. Aber okay, irgendwie mag ich diesen schmalzigen Film, Sie auch?“

„Naja, musste wohl jeder, der in den sechzigern geboren wurde, irgendwann mal mit seinen Eltern gucken.“

„Ja, war so klar, dass Sie ihn natürlich nicht mochten! Dabei ist er wirklich süß, wenn auch ein wenig anstrengend.“

„So wie Sie“, unterbrach er und schmunzelte. Was sie sich jetzt natürlich auch nicht mehr verkneifen konnte.

Das gefiel ihm und er hoffte auf eine gekonnte Steilvorlage ihrerseits, stattdessen sagte sie: „Na los, der Kellner wartet auf Ihre Bestellung. Bestimmt trinkt der Herr einen Espresso“, meinte sie in Richtung der Bedienung und fügte noch hinzu, „er ist nämlich sehr wichtig und hat es sehr eilig, sein Hubschrauber steht schon startklar vorm Café. Jetzt schauten tatsächlich ein paar Gäste, die dem Gespräch mittlerweile lauschten, sich nach einem Hubschrauber um.

Die Bedienung hakte etwas entnervt nach: „Also einen Espresso?“

„Nein“, antwortete der Eilige trotzig, „ich möchte zwei von diesen komischen Chaidingern to go!“

„Solange Sie sie nicht to fly  haben wollen. Dafür sind meine Becher nämlich nicht geeignet“, meinte der Barmann und musste jetzt ein wenig über seinen eigenen Witz lachen. Der Anzugträger fands aber nicht so witzig und die Frau war nun so irritert, dass sie diese Konversation gar nicht wahrnahm, sondern ihre neue Bekanntschaft anstarrte und wartete was passierte.

Die zwei Chai waren nun fertig und der Mann zahlte und nahm sie in Empfang. Doch ehe er ging stellte er sie noch einmal auf der Theke ab. Er nahm ihre herumliegende Habseeligkeiten, schmieß sie in ihre Taschen und sagte: „Ja los, nun machen sie schon. Ich hab nicht ewig Zeit.“

Dann nahm er ihre Jacke und verließ das Lokal. Verdutzt folgte sie ihm.

„Was machen wir jetzt?“, fragte sie unglaubig.

„Wir fliegen ein bisschen umher, bis süß das Mondlicht auf den Hügeln schläft!“

Sie lachte laut, nahm ihm einen Chai ab und hakte sich bei ihm unter.

„Ich glaube“, sagte sie dann, „vorerst würde es mir reichen, wenn wir ein bisschen umherlaufen und zusammen darauf warten, bis sich dieser Tag wieder abkühlt.“

 

                                   (von Annett)

 

... verharrten einen Augenblick, versanken in einander, verwundert, irritiert oder verzaubert?

Dann – beschämt – schauten beide in andere Richtungen. Verlegen, aber neugierig. Einen Moment des Nachdenkens, des Zögerns und dann ... es kam beiden viel zu lange vor, trafen sich ihre Blicke wieder, hielten einander fest, intensivierten sich. Suchend, forschend, fragend. Was nun?

„Noch einen Kaffee?“

Er hatte eine angenehme sonore Stimme. Nicht zu laut, aber gut zu verstehen, nicht zudringlich oder aufdringlich. Konnte man sich in eine Stimme verlieben? Oder etwas anderes?

Oh ja, das konnte man, aber die Augen waren ja schließlich der Auslöser gewesen.

„Ach, ich weiß nicht, mein Zug kommt gleich.“

Eigentlich wäre es ja auch egal, sie könnte einen späteren nehmen, niemand wartete auf sie. Allein, einsam, traurig würde sie später wieder in ihre Wohnung zurückkehren, warum also nicht.

„Ich hole Ihnen gerne ein Getränk!“

Was bezweckte er wohl? Ob er es ernst meinte? So ein Quatsch, weil er ihr ein Getränk anbot? Wer weiß, was der Typ im Schilde führte. Es könnte ein Verbrecher sein, ein Heiratsschwindler, Mörder, alles in einem. Nein, so dumm war sie nicht. Sollte er doch zusehen, wen er bezirzen konnte. Sie stand auf und verließ hastig das Café.

 

                               (von Simone)

 

... es knisterte in der Luft. „Feuer“, rief der Barkeeper und der Drache schloss seinen Mund. Er hatte doch nur gegähnt. Alle starrten ihn an, das wurde ihm peinlich. Er wurde knallrot und verschwand ganz schnell. Man hörte nur noch ein Schlucksen. Die Dame mit dem Chai-Latte merkte auf einmal, dass sie brannte. In dem Moment kam der Herr mit dem Espresso und löschte das Feuer. Er trug einen Anzug und hatte sein Hugo-Boss-Hemd leicht geöffnet, wegen der Wärme. Die Dame trug ein leichtes Sommerkleid mit Blümchen. Sie war deutlich erfreut ihn vor sich zu sehen. Die Freude war auch bei ihm zu sehen. Sie brachte ein schüchternes „Danke“ hervor und verlor sich in seinen Augen.

„Nicht zu danken, schließlich war das mein Drache, den ich jetzt suchen muss“, antwortete er beschämt.

In dem Moment rannte der Drache heulend mit einem Steak im Mund aus der Küche nach draußen.

„Immerhin braucht er nichts mehr zu essen“, lachte die Frau.

„Naja, er isst sehr, sehr viel“,  nuschelte der Mann.

„Oh, nein“, sprang die Frau nun auf, „mein Pandababy schläft draußen auf der Wiese.“

Der Mann bekam ebenfalls große Augen und beide rannten dem Drachen hinterher, welcher den kleinen Panda schon gefunden hatte. Beide starrten die Tiere an und etwas unerwartetes trug sich zu. Der Panda wollte das Steak essen. Schreiend rannte die Frau auf ihren Panda zu.

„Nein“, riss sie das Fleisch aus dem Mund, welches der Drache liebevoll geteilt hatte. „Wir sind Veganer!“

Der Mann verzog angeekelt das Gesicht.

„Mit Veganern wollen wir nichts zu tun haben“, sagte er und setzte sich auf den Drachen um davon zu fliegen. Die Frau streichelte enttäuscht ihren Panda. Jahre später laß sie in der gleichen Bar, dass der Mann von seinem Drachen gefressen worden war.

 

                                                                                             (leider unbekannt)

 

„Was machst du hier, warum schwimmst du nicht im Tegernsee?“

„Ach was, ist doch viel zu kalt. Und die Bayern sind eh im Moment sehr anstrengend.“

„Naja, das Wetter ist hier ja auch entschieden besser.“
“Willst du deine Familie hier besuchen?“

„Die wissen gar nicht, dass ich hier bin. Habe mich nicht angemeldet. Und du? Was machst du hier? Willst du verreisen?“

„Nein, ich bin gerne hier und „gucke“ Leute. Das ist hochinteressant. Du musst mal sehen, was hier für Typen rumlaufen. Mich eingeschlossen. Mit vielen komme ich hier ins Gespräch. Die kenne ich zwar nicht, aber das macht nichts. Von einigen werde ich sogar auf einen Kaffee eingeladen. Willst du mich auf einen Kaffee einladen?“

„Aber sicher, bist wohl knapp bei Kasse?“

„Das nicht gerade, aber er schmeckt mir dann besser!“

„Na, wenn das so ist, welchen hättest du denn gerne?“

„Oh, irgendeinen, ich lass mich überraschen“.

„Okay“, zur Bedienung gewandt: „Bitte eine Schokolatte – mit viel Schokolade und Milch.“

„Wo gibst es denn sowas“, fragte die Bedienung.

„In Bayern, für anspruchsvolle Menschen, die auf einen normalen Kakao nicht abfahren. Gibt es aber nur für neugierige Menschen, die immer was Neues ausprobieren müssen.“

„Ist deine Bekannte sojemand?“, wollte die Bedienung nun wissen.

„Ja, obwohl ich sie gar nicht kenne und eigentlich auch nicht kennenlernen will. Ich hoffe, dass ich sie mit der Schokolatte loswerde“, sagte er und drehte sich zu seiner neuen Bekannten um. Die saß aber schon mit einer anderen Person an dem Nachbartisch. „Hatte ihr wohl zu lange gedauert mit dem Getränk. Da hat sie sich einer neuen Person zugewandt und wollte lieber die kennenlernen.

 

                               (leider unbekannt)

 

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