Schatten der Vergangenheit

Wenn man von der Hauptstraße an der großen Kreuzung rechts abbog, dann verließ man die  ausgebaute und mit alten Linden gesäumte Prachtstraße mit ihren imponierenden Fassaden und gelangte in eine kleine Gasse, in der sich mehrstöckige Wohnhäuser verschiedenster Epochen und Bausünden der jüngsten Vergangenheit geduldig aneinanderreihten und sich gegenseitig stützten. In den Häusern befanden sich kleine Läden, die gefüllt waren mit den wichtigen und weniger wichtigen Dingen, die man zum Leben in der Stadt so brauchte: Fleisch, Brot, Obst, Gemüse und Blumen; aber auch einen Kiosk und ein Schreibwarengeschäft, das seine besten Zeiten allerdings schon hinter sich hatte.  An Sonnentagen strahlte diese Straße eine heitere Gelassenheit aus, die sich auf all ihre Bewohner übertrug. An dunklen Regen verhangenen Tagen aber kannte sie auch die Schwermut, vor der sich das Leben hinter den Türen in den Wohnungen versteckte. Doch nicht alle mochten an solchen Tagen alleine bleiben, manch einer zog sich lieber in die kleine Wein-Bar am Ende der Gasse zurück, wo man sich bei schwerem Rotwein an die guten Tage und Stunden im Viertel erinnerte, damit sie nicht verloren gingen wie der alte Regenschirm, den man in einem Schirmständer vergessen hatte und ihn erst dann wieder vermisste, wenn man ihn brauchte.

 

Unzählige vergilbte Fotos und Ansichtskarten hingen an den blassen Wänden der Bar. Sie kündeten noch immer vom Glanz der Vergangenheit und sorgten dafür, dass die Menschen und ihre Geschichten nie ganz verloren gingen. Sie blieben Teil einer verschworen Gemeinschaft, von der aber immer weniger erzählen konnten. Die Geschichten und Abenteuer der Gäste gehörten zum Inventar, wie die alten Stühle und der gesprungene Spiegel hinter der Theke. Sie wurden von den Gästen gehegt und gepflegt und nur selten von einer Gegenwart gestört, die ihnen zunehmend fremd wurde. An einem Tag im November jedoch wurde die vertraute Gemeinschaft gestört, ja fast gewaltsam auseinandergerissen. Die alte Tür der Bar wurde  plötzlich und mit einer solchen Heftigkeit aufgestoßen,  dass die Weingläser im Regal erzitterten und in ein mehrstimmiges Konzert ausbrachen. Die Gäste verstummten, als eine dunkle Gestalt in den Salon rannte und panisch schrie … 

„Sie ist angekommen!“

Plötzlich herrschte gespenstische Stille in der Bar, kein Atemzug war zu hören. Die dunkle Gestalt schien zu schweben, als sie ihre Kapuze vom Kopf streifte. Stechend grüne Augen, umrahmt von wilden roten Locken. Suchend schweifte ihr Blick umher, prüfend ruhte er für Augenblicke auf jedem einzelnen Gast. Dann aufatmen, sie hatte gefunden, was sie suchte. Gebannt folgten ihr alle Blicke, als sie sich ihren Weg zwischen Tischen, Stühlen und eingeschüchterten Menschen bahnte. Am kleinen Tisch in der linken Ecke blieb sie stehen.Der kleine Junge schaute sie mit aufgerissenen Augen an und eine Träne fand ihren Weg. Die Gestalt öffnete bedächtig ihren Umschlag und zog eine vergilbte Postkarte, überseht mit Wasserflecken, hervor. Eine Flaschenpost war auf der Vorderseite. Von Erfurcht getrieben, nahm der Junge die Karte in die Hand. Die Flaschenpost, die seine Oma bei seiner Geburt auf die weite Reise über die Meere und Flüsse der Welt geschickt hatte, war angekommen.

 

„Ich hab dich lieb!“ Deine Oma

 

                               (von Sanny)

 

„Hier bin ich! Denkt ihr, ihr seid mich los?“

Auch die letzten Murmeleien waren plötzlich verstummt und Entsetzen machte sich breit. Erst recht, als die dunkle Gestalt sich teilte, um sich zu verdoppeln und wieder aus beiden Gestalten neue auferstanden. Und immer so weiter. Die Gestalten nahmen ihre Plätze hinter den Gästen ein, die wie gelähmt auf ihren Stühlen hockten. Obwohl sie niemanden berührten, spürte jeder, wie sich eine frostige Angst in ihnen ausbreitete. Mit vielfacher Stimme erklang: „Ja, ich habe mir Zeit gelassen, doch es entgeht mir niemand.Haha.“ Das schauderhafte Gelächter ließ die Atmosphäre noch bedrohlicher werden. Plötzlich Stille. Die Ruhe vor dem Sturm. Dann brach über jeden Gast eine Welle der Erinnerung aus. Karl, der schon lange allein war, bebte, als die von ihm längst verdrängte Zeit mit seiner krebskranken Frau Lise mit Wucht zurückkehrte. Er hatte sie doch am Ende nicht mehr pflegen können, weil es über seine Kräfte ging. Das hatte doch jeder verstanden?! Elsa, die ihren Hermann nach Jahrzehnten der Erniedrigungen und Bösartigkeiten mit Eisenhut aus dem Garten vergiftet hatte, erschrak. Alles stand ihr wieder vor Augen. Elmar der Wirt, der noch sein Glas und sein Trockentuch in den Händen hatte, fühlte wie aus seinem tiefen Inneren die Schatten hervorkrochen. In seiner Zeit als Hausmeister hatte er Schüler und Lehrer nach seiner Pfeife tanzen lassen und so einige Jahre in seinem Zimmerchen verbracht, ohne seinen Job zu machen. Schließlich wurde er gefeuert und er hielt sich mit seiner Bar mühsam über Wasser. Am Tresen fiel beinahe Quentin vom Hocker, der in seiner Zeit als Pfarrer beinahe eine ganze Stadt vom Glauben entfernt hatte. Der Hochmut hatte ihm viele Jahre einsame Kirchenarbeit beschert. Nun kam der Fall, er brach sich das Genick. Niemand regte sich, alle waren gefangen in den unangenehmsten Erinnerungen der Vergangenheit. Ehebruch, Betrug, üble Nachrede, Vernachlässigungen der eigenen Kinder, auf die Spitze getriebener Egoismus. Es wurde immer finsterer in der Bar. Die Gedanken brauten sich zu einer schwarzen, übelriechenden Wolke zusammen, die allen den Atem zu nehmen drohten. Plötzlich schloss jemand die Hintertür auf und eine hochgewachsene Frau mit kurzem Haar betrat den Raum. Eigentlich kam sie immer erst, wenn alle anderen schon gegangen waren. Dann putzte sie die Räume und sang mit kräftiger Stimme Lieder in einer Sprache, die niemand verstand. Ihre Lieder klangen zuweilen traurig und voller Heimweh, auch wenn sie selbst immer fröhlich war. Doch heute kam sie früher als sonst und sang nicht, sondern betrachtete nur stumm das Geschehen. Sie wollte nicht bemerkt werden, aber ihre große Erscheinung war nicht zu übersehen und deshalb musste sie nun durch die Düsternis dringen, zur Eingangstür, die sie weit aufsperrte, mit ihrer Jacke wedelte sie die dunklen Gestalten auf die Straße. Noch immer saßen die Gäste wie versteinert auf ihren Stühlen. Reza eilte von einem zum anderen und entdeckte als letztes Quentin auf dem Boden. Er atmete nicht mehr. Dann kam aus ihrer Kehle ein tiefer Ton. Sie ließ einen traurigen Ton erklingen. Die Töne drangen in die Erstarrten, die sich nach und nach wieder regten. Karl schaffte es als Erster ein paar Münzen auf die Theke zu legen und sich leise aus der Bar zu schleichen. Ihm folgte Elsa, die sich fröstelnd ihre Jacke überwarf. Es kam wieder Leben in die Menschen. Reza beendete ihren Gesang. Sie öffnete alle Fenster und selbst die Novemberdunkelheit konnte den Raum aufhellen. Elmar stellte sein Glas ab. Er steckte sein Poliertuch in die Westentasche, fischte mit einem Finger seinen Schlüssel aus der Hose und überreichte ihn wortlos der staunenden Frau. Dann schlurfte auch er aus „seiner“ Bar und verschwand im November. Reza setzte sich und schaute sich um. „Was war denn das?“ Da saß noch eine dunkle Gestalt ganz hinten in der Ecke an der Garderobe. Sie stand auf und ging auf sie zu. Die Gestalt drehte sich langsam um. Sie erkannte ihren Schatten ihrer Vergangenheit. Für einen Moment glaubte sie ohnmächtig zu werden. Da waren die Soldaten, die Flucht, der Tod ihres Mannes und die namenlosen, die sie zu überwältigen drohten. Da stand die Gestalt auf, ging auf Reza zu, lächelte und löste sich in Luft auf.

 

                               (leider unbekannt)

 

„Er ist tot. Er ist tot.“

Keiner der anderen Gäste regte sich. Alle saßen wie versteinert auf ihren Stühlen.

„Hört ihr denn nicht? Er ist tot.“

„Wer ist tot?“, fragte eine stockende Stimme aus der Menge heraus.

„Na, er! Chef ist tot!“, erwiderte die dunkle Gestalt, die ihre Mütze tief ins Gesicht gezogen hatte, um sich vor der Kälte zu schützen. Als das Wort „Chef“ fiel, ging das Gemurmel unter den Gästen los. Es war allen klar, wer mit „Chef“ gemeint war. Er war der Besitzer der kleinen Weinbar, in welcher sie alle ihre Tage verbrachten.

„Kommt mit, er liegt im Hinterhof – ein Messer in seiner Brust.“

Er drehte sich um und stürmte aus der Tür. Erst stand einer auf, dann der Nächste. Alle folgten der dunklen Gestalt in den Hinterhof. Dort lag er tatsächlich, ihr Chef. Alles war voller Blut, selbst die Wände des gekalkten Hinterhofes waren mit Spritzern übersäht. Er lag da, als würde er nur schlafen. Doch das Messer in seiner Brust ließ erahnen, dass dem nicht so war. Chef war tatsächlich tot.

„Was sollen wir tun?“, fragte eine Stimme aus der Menge heraus.

„Wir müssen die Polizei rufen“, entgegnete eine andere.

„Vielleicht ist der Mörder unter uns?!“

„Blödsinn“, sagte die dunkle Gestalt, welche die schreckliche Botschaft verkündet hatte. Er fügte hinzu: Folgt mir wieder in die Bar, wir müssen gemeinsam überlegen, wer es gewesen sein könnte!“

Die Gäste folgten ihm. Jeder von ihnen war entsetzt. Nicht über den Tod von „Chef“, sondern über die Tatsache, dass ihnen durch seinen Tod vielleicht ihre Heimat genommen werden konnte. Wo sollten sie nun hin, wenn er nicht mehr da war? Sie hatten doch sonst nichts. Jeder der Gäste nahm wieder seinen Stammplatz ein. Dann betrat eine kleine Frau mit rostrotem Haar das Lokal. Wie jeden Tag hatte sie auch heute einen guten Grund ihr Glas zu erheben, denn sie vermochte es alle möglichen Rechtfertigungen für das tägliche Trinken heranzuführen. Meist war ein ehemaliger Schauspielkollege verstorben und, da sie den Begriff „Kollege“ sehr weit fasste und sie selber auch nicht mehr die Jüngste war, kam dieses Ereignis leider sehr häufig vor. Aber manchmal waren es auch andere Gründe, etwa weil in irgendeiner Stadt mal wieder ein Schauspielhaus geschlossen oder, noch schlimmer, eines ihrer Lieblingsstücke nicht mehr aufgeführt wurde. Mit einem guten Riesling aber wurden diese Schreckensmeldungen erträglicher und der Tag konnte durchaus noch einen erfreulichen Verlauf nehmen. Doch heute brauchte sie keine gut begründete Bestellung aufgeben, denn alle wussten, warum gerade sie einen guten Grund hatte heute ihr Glas zu erheben. Es fiel den Gästen wie Schuppen von den Augen, als sie das Lokal betrat, wer für den Tod ihres Chefs verantwortlich war. Sie war es! Sie alleine. Sie hatte ihnen ihr zuhause genommen.

Erst stand der erste Gast auf, dann der zweite, dann immer mehr. Sie bildeten einen Kreis um die Frau mit den rostroten Haaren. Der Kreis zog sich immer enger zu. Nach kurzer Zeit hatte er sich so eng zusammen gezogen, dass die Frau dann gänzlich verschwand ...

 

 

                               (von Silvie)

 

„Es gibt keine Feen!“

Danach war es still. So still, wie ein Wintermorgen an dem der erste Schnee Häuser, Wege und Bäume völlig bedeckt hat und noch keine Menschenseele den ersten Schritt nach draußen tat. Die dunkle Gestalt regte sich nicht mehr, sondern verharrte auf der Stelle. Die tiefliegenden Augen im Schatten der Kapuze kaum zu erkennen, der Mund weit aufgerissen, was dem regungslosen Gesicht ein beängstigendes, fratzenhaftes Antlitz verlieh.

Die wenigen Gäste in der Bar starrten sie gebannt an und warteten auf eine Regung. Die Zeit schien still zu stehen. Es klang nur noch die alte Uhr und der tropfende Wasserhahn in die ungemütliche Stille hinein, bevor die Stimme sich abermals erhob und erneut schrie: „Es gibt keine Feen mehr!“ Dann rannte sie genauso plötzlich wie sie herein gekommen war, wieder hinaus und hinterließ dabei eine merkwürdige dunkle Flüssigkeit auf dem Boden.

Der Erste regte sich wieder, nachdem der Schreck überwunden war und machte sich daran, die Spur auf dem Boden zu untersuchen. Andere schlossen sich an, berührten mit ihren Fingern die klebrige Masse, welche sich zu vermehren schien. Immer schneller und schneller breitete sie sich aus, bis plötzlich der Boden, dann die Stühle, Tische, die vergilbten Bilder – ja die ganze Bar, samt ihrer Gäste von der schmierigen Flüssigkeit völlig bedeckt waren.

Und dann waren sie weg. Alle. Die Bar mit ihren Gästen – alles war fort. Einfach weg. Es klaffte nicht mal eine Lücke. Da wo die Bar gestanden hatte, war einfach nichts mehr zu sehen. Die Häuser reihten sich nahtlos aneinander, als ob es die Bar nie gegeben hatte. Es schien sich auch niemand an sie zu erinnern. Niemand, außer Bodo, der sechsjährige Neffe des Besitzers, der kurz vor dem Verschwinden noch dort war, kurz zur Hintertür raus ging und in dem Moment des Verschwindens, sowohl in der Bar, als auch draussen war. Nur er erinnerte sich noch.

 

                               (leider unbekannt)

 

„Wo ist Sie?“, mit einem fragenden Blick an die Gäste gerichtet wiederholte der Fremde seine Frage. „Wo ist Sie?“

Die Gäste schauten sich fragend an und wussten im ersten Moment nicht, was der Fremde mit dieser Frage von ihnen wollte. Der Fremde blieb noch eine ganze Zeit lang in der Tür stehen. Groß und kräftig wirkte er, ganz in schwarz gekleidet. In seinen Händen hatte er etwas funkelndes. Es schien so, als ob er das was er in den Händen hielt ganz langsam und behutsam drehte. Die anderen Gäste konnten es aber nicht erkennen. Als Joana aufstand, um sich den Gegenstand näher anzusehen, spürte sie die Blicke der anderen Gäste. Sie war jung, hübsch und wirkte in ihrem roten Kleid wie das rote Tuch, dass sich vor einem Stier hin und her bewegt. Die ebenfalls in rot gehaltenen Schuhe betonten ihre wohlgeformten Beine. Ihre kleinen Füße wurden durch das leuchtende Rot auf ihren Zehnägeln noch sinnlicher. Das lange schwarze Haar wurde von einer zum Kleid passenden Haarklammer zusammen gehalten. Völlig in sich versunken betrat nun ein Herr das Lokal, den irgendwie jeder zu kennen meinte. Man wusste zunächst nicht so genau woher, aber das Gesicht war doch vertraut. Erst beim zweiten Blick erkannte man ihn als denjenigen, der bereits seit drei Wahlperioden in Folge von den unterschiedlichsten Plakaten herunterlächelte. Aber nicht nur dort, sondern auch, wenn gerade keine Wahl anstand, lächelte der Lokalpolitiker jeden Menschen freundlich an. Er verstand es, jede Bühne zu nutzen, um den dort Anwesenden die Welt zu erklären und das konnte – zum Leidwesen der Gäste und des Personals – auch die Bar sein. Sein Übertreten der Türschwelle ging dabei mit einer fiebrigen Hektik einher, die sich erst dann wieder verflüchtigte, wenn er den Raum verließ. Dann brach sich in den ersten Momenten der wiedergewonnenen Ruhe immer eine resignative Erschöpfung Bahn. Doch dazu sollte es heute nicht kommen, denn noch bevor der Lokalpolitiker gegen den Willen der Anwesenden das Wort erheben konnte, musste „der-zur-Wahl-stehenden“ am großen schwarzen Mann vorbei. Und das würde schwierig werden, dessen waren sich alle sicher. Die Blicke der beiden Männer trafen sich und ihre Blicke ließen nichts gutes ahnen. Der schwarze Mann war sich nicht ganz sicher, jedoch erkannte er den anderen an seinen beiden Narben, die eine über seiner Oberlippe und die ander unterhalb seines Auges.

„Halt!“, sagte der schwarze Mann zu dem Anderen. „Sie, genau Sie kenne ich doch, ich habe Sie gestern Abend am Dorfbrunnen gesehen. Ich habe Sie nach dem Weg zur Kirche gefragt und Sie haben mich in die falsche Richtung geschickt und dann bin ich eine halbe Stunde rumgefahren, um dann von einer

alten Frau zu erfahren, dass es diese Kirche gar nicht mehr gibt.

„Ich...“, weiter kam der Andere nicht, denn da klebten bereits die fünf Finger der rechten Hand des Mannes in schwarz auf der Wange des Anderen. Der Geohrfeigte war dermassen erschrocken, dass er sich seine Wange vor Schmerz hielt. Ein stechender Schmerz durchzog sein Gesicht. Gerade als dann auch noch die Faust des schwarzen Mannes auf das Kinn zielen wollte, wurde er von einer zierlichen Hand zurückgehalten. Es war die Hand von Joana.

„Bitte schlag ihn nicht, er ist mein Vater!“

„Du willst mir erzählen, dass dieser ... dein Vater ist?“

„Ja, er ist mein Vater.“

Der Mann in schwarz ließ seine Faust sinken und trat ein Stück zur Seite.

Jetzt sah Joana den Gegenstand, den der Mann die ganze Zeit in seinen Händen hielt. Es war eine kleine silberfarbende Muschel, die an einer Kette befestigt war. „Wo hast du sie her?“, fragte Joana den Mann.

„Ich habe sie von meiner Mutter. Warum willst du das wissen?“

„Darf ich die Muschel mal anfassen?“

Joana nahm die Muschel in ihre kleinen Hände und begann sie ganz langsam zu drehen. Der Mann wunderte sich sehr, er hatte das Gefühl, dass sie die Muschel kannte. Joana hielt die Muschel wie einen verlorenen Schatz in ihren Händen. Und so war es ja auch, sie hatte gefunden, wonach sie lange Ausschau gehalten hatte. 01.01.1971, diese Zahlen standen in der Muschel –Joanas Geburtstag. Die Zahlen waren ganz winzig und fast nicht zu lesen, aber Joana wusste, was sie in den Händen hielt. Dann fing sie an zu weinen und umschloss die Muschel, wührend sie beide Männer anschaute. Ihr Glück schien grenzenlos. Sie schaute den Mann in schwarz an und fragte: „Ist dein Name Pedro?“

Der Mann nickte. „Papa“, sagte sie dann, „das ist dein Sohn und mein Bruder!“ Die beiden Männer sahen sich an und erst jetzt verstanden sie Joana´s Worte. Ihre Gebete waren also erhört worden. Und nun erkannten auch die Männer einander.

„Es tut mir leid mit der Ohrfeige“, sagte Pedro. Sein Vater lächelte und nahm beide Kinder in den Arm. Die übrigen Gäste standen auf und freuten sich mit ihnen. Es wurde getanzt, getrunken und gegessen und ganz viel erzählt.

 

                               (von Börk)

 

„Ausziehen! Reisst euch die Kleider vom Leib, reisst euch die Seele endzwei;

alles ist erfunden!“

 

                               (von Marlene Armandes)

 

„Lauft alle so schnell ihr könnt. Es hat sich ein Virus ausgebreitet. Es geht jetzt um das blanke Überleben.“

Wie versteinert saßen die Menschen auf ihren Stühlen. Es war totenstill. Ich hatte mir an diesem Tag frei genommen um mit meinem Sohn seinen freien Tag zu verbringen. Ich versuchte Ruhe zu bewahren und packte Ben an der Hand. An der Tür des Cafés angekommen, ahnte ich schon, was draußen auf uns wartet: Das pure Chaos!

 

                               (von Jan W.)

 

„Sofort einen Whiskey, aber einen doppelten!“

Der Wirt und die Gäste erholten sich ein wenig aus ihrer Schockstarre und nahmen den Neuankömmling mit verhaltener Neugier in Augenschein. Er bot auch wirklich einen merkwürdigen Anblick. Zwar hatte er sowohl eine menschliche Gestalt und auch Gesichtszüge, doch er war über und über mit schwarzem, zotteligen Fell bedeckt. Aus seinem behaarten Gesicht funkelten meergrüne Augen und auf seinem Kopf baumelten zwei rote Antennen. Mit leicht zitternder Hand servierte der Wirt das gewünschte Getränk, das der Fremde sofort hinunterstürzte. Der Wirt fasste sich ein Herz und fragte den neuen Gast: „Neu hier?“

„Das kann man wohl sagen“, erwiderte dieser mit leicht fremdländischem Akzent. „Sie müssen wissen, ich war eigentlich auf dem Weg zurück zu meinem Heimatplanet Pummeluff. Aber das Navi spinnte und so bin ich in dieser Gasse gelandet. Und wie auf Pummeluff kann ich nur sehr kurze Zeit ohne Whiskey existieren und mein Vorrat an Bord ist so gut wie aufgebraucht. Sie haben mich also gerettet!“ Der Fremde strahlte den Wirt an und entblößte dabei seine kleinen grünen Hackenzähnchen. Mittlerweile hatten sich die übrigen Gäste beruhigt. Einer von ihnen, Hermann, war sogar so mutig und bat den Herrn aus Pummeluff um ein gemeinsames Selfie. Nun war das Eis endgültig gebrochen und alle Gäste wollten sich zusammen mit dem Fremden fotografieren lassen. Dieser ließ es lächelnd über sich ergehen, spendierten ihm die Gäste doch einen Whiskey nach dem anderen. So wurde es noch für alle ein vergnüglicher und unvergessener Abend.

 

(von Birgit)

 

„Ich hab mein Leben verloren!“

Alle starrten ihn nun voller Unverständnis an.

„Was für ein Blödsinn“, warf der Wirt nach kurzer Zeit ein,

„du wirkst eigentlich ziemlich lebendig.“

„Aber sie ist in den Zug gestiegen und wird nie mehr wiederkehren“, sagte der Neuankömmling.

„Alter“, zischte einer der Weintrinker nun, „komm mal runter, trink einen mit uns und du wirst sehen, alles wird gut.“

Aber der Verlassene wollte nicht trinken und er wollte auch nicht runterkommen, stattdessen fing er auf eine dramatische und tränenreiche Weise an zu schluchzen, so dass es den anderen die Stimme verschlug und sie ihn nun wieder alle anstarrten. Eine kurze Zeit lang passierte nichts, alle saßen einfach da und waren irgendwie betroffen, manche auch verunsichert und einige auch etwas angewidert, wegen des ganzen Rotzes, der dem Mann aus der Nase lief.

Dann endlich scharbten Stuhlbeine über den Holzfußboden und eine kleine alte Dame erhob sich. Sie ging ganz langsam auf den Weinenden zu und sah ihm direkt in die verheulten Augen.

„Ich weiß, dass du dein Leben verloren hast“, sagte sie mit ruhiger Stimme, „ich habe meines vor dreiundvierzig Jahren verloren.“

Der Mann sah sie fragend an: „Und, ist er irgendwann zurückgekehrt?“

„Nein“, erwiderte sie, „was einmal wirklich verloren ist, kehrt nicht mehr zurück.“

Der Traurige und die Alte schauten sich lange und fest in die Augen und alle anderen schauten auf die beiden. Er ließ seinen Blick noch eine Weile auf ihr liegen, doch dann brach er das Schweigen: „Wenn du nicht auf die Rückkehr trinkst, Gnädigste, worauf trinkst du dann jeden Tag?“

„Auf die Vorkehr“, entgegnete sie demonstrativ und in so einer Deutlichkeit, dass er kurz zurückzuckte. Doch dann entspannten sich seine Gesichtszüge, seine Augen wurden wieder klarer und er wischte sich nun die Tränen aus dem Gesicht. Er holte tief Luft und dann rief er laut in den Raum hinein:

„Das ist ein wahrlich guter Grund zum trinken!“

Der Wirt griff in das Regal hinter sich und nahm eine Flasche Selbstgegrannten heraus. Er verteilte an alle Gäste ein Glas und gemeinsam stießen sie an:

„Auf die Vorkehrungen für ein besseres Leben!“

Welche genau das sein würden wussten sie nicht, aber für diesen Moment glaubten alle fest daran, dass die Zukunft eine bessere würde.

 

                                   (von Angela)                        

 

„um Gottes Willen, ich fass es nicht, das darf nicht wahr sein, ich ... japs ...muss micht erstmal setzen, puh ... einen Rotwein bitte, einen schweren Rotwein“, piepste Peter, ein Stammkunde in seinem schwarzen Regencape. Es herrschte gespannte Stille in der kleinen Bar und Peter schüttelte nochmals den Kopf und murmelte: „ich fass es nicht, nein, nein.“

Aus der gespannten und ungeduldigen Stelle raunte es nun einstimmig:

„Peter, erzähl was los ist???“

Peter aber wurde immer blasser, murmelte weiterhin vor sich hin, schüttelte den Kopf und sackte langsam, fast elegant vom Stuhl auf die Erde und blieb dort liegen. Mit Entsetzen realisierten die Anderen in der Bar, dass Peter nicht mehr atmete. Was war geschehen? Was hatte Peter so tötlich entsetzt? Würden sie das je herausfinden? Betraff es etwa auch sie?

Lähmende, gruselige und dunkle Stille machte sich breit an diesem denkwürdigen Novembertag, der ihre Gemeinschaft für immer verändern sollte.

Fortsetzung folgt ...

               

                                   (von Vera)

 

... nach einer kurzen Schrecksekunde stimmten sämtliche Anwesende mit weit aufgerissen Münden und Augen in den panischen Schrei ein. Es war ein derart markerschütterndes Gekreische, dass einem das Blut in den Adern gefrieren konnte. Die Gläser auf den Regalen zerplatzten, Scherben klirrten auf den uralten Parkettboden der Bar. Selbst nur halbvoll mit Rotwein gefüllte Gläser hatten keine Kraft mehr, das schwere Getränk zu halten und brachen scheppernd unter der Last zusammen. Gleichgültig rann das kostbare, blutrote Nass über die Tischplatte und stürzte dann über die Kante wasserfallartig zu Boden. Dort vermischte es sich mit den überall verstreuten Glasscherben.

 

Während alle miteinander schrien, hatte doch jeder einzelne von ihnen die eigenen Schatten der Vergangenheit im Kopf. Wie auf einer Kinoleinwand zogen die alten, bisher so gut in die hintersten Seelenabgründe fortgeschobenen traumatischen Erinnerungen an jedem Einzelnen vorüber. Der Eine dachte an den tragischen Unfall, bei dem er seine geliebte Ehefrau versehentlich mit dem Auto zu Tode gefahren hatte, als er rückwärts aus der Garage fuhr. Ein Anderer machte die Schmerzen ihrer Vergewaltigung wieder durch ...

So zogen sich die dunklen Gedanken immer weiter durch die Gehirnwindungen der Anwesenden. Obwohl alle äußerlich dasselbe taten, war doch jeder einzelne von ihnen in seiner ganz eigenen düsteren Innenwelt gefangen.

 

Plötzlich beendete das laute Schlagen der alten Uhr, die seit Jahrzehnten über dem Notausgang der Weinbar ihre Dienste tat, den Spuk. Eine neue, volle Stunde hatte begonnen. Als wären sie aus einem Alptraum erwacht, wurden alle von einem auf den anderen Moment still. Sie rieben sich die Augen und schauten sich erschrocken in der verwüsteten Bar um. Keiner konnte fassen, was gerade geschehen war. Dann erst erkannte sie, dass es sich bei der dunklen Gestalt, die dieses Chaos ausgelöst hatte, um einen Gorilla handelte. Er war wie angewurzelt in dem Scherben-Wein-Gemisch am Boden stehen geblieben.  Wie zerbrechlich er inmitten der Glassplitter aussah ... Der Rotwein umspielte seine großen Füße wie Blut. Noch ehe jemand einen klaren Gedanken fassen konnte, kamen seine Verfolger in die Bar gestürmt und schossen ihre Betäubungspfeile auf ihn ab.

 

Nachdem der aus dem nahegelegenen Zoo entflohene Menschenaffe vor aller Augen zusammengebrochen war, entschuldigten sich die Tierpfleger bei den Anwesenden für den Schrecken, den das große schwarze Tier verursacht hatte. Sie erklärten, dass das Junge des Muttertiers wenige Tage nach der Geburt verstorben war. In ihrem Schmerz hatte das Weibchen sich panisch auf die Suche nach ihm gemacht und sogar die hohe Mauer ihres Außengeheges im Zoo durch Aktivierung ungeanhnter Kräfte überwinden können. Sie versicherten, selbstverständlich für den entstandenen Schaden aufzukommen. Daraufhin blickten sich alle schmunzelnd und augenzwinkernd in die Augen und schüttelten einvernehmlich den Kopf. Schließlich hatte der Affe sie endlich aus ihrer selbst erschaffenen Hölle befreit. Dadurch, dass sie sein Verhalten gespiegelt haben, konnten sie endlich ihre tiefsten Schmerzen herausschreien und fühlten sich nun wunderbar leicht und unendlich befreit.

 

Aber nicht nur sie selbst, das Innere der Bar hatte sich ebenfalls verändert. Die Wände schimmerten in unbeschreiblichem Glanz, auch die alten Fotos und Ansichtskarten hatten ihr vergilbtes Gesicht verloren. Durch die immer noch weit offen stehende Eingangstür schob sich das Licht eines wunderschönen Regenbogens in den Raum.

 

                           (leider unbekannt) 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Café Ankoné