Kaffeehausgeschichten

Die Kurzgeschichten sind im Rahmen eines Schreibprojektes anlässlich der „Langen Nacht der Kunst“ in Gütersloh am 20. Mai 2017 entstanden. In Anlehnung an die Wiener Kaffeehaustradition haben wir die Besucher eingeladen im Café eine Geschichte zu schreiben.

 

Dabei wurde den SchreiberInnen zunächst ein Handlungsrahmen vorgegeben. Drei Eingangstexte, deren zentraler Ausgangsort ein Café oder eine Weinbar war, standen zur Verfügung und die Gäste waren eingeladen, sich eine Szenerie auszusuchen und diese weiterzuschreiben. Die Texte die dabei entstanden sind, sind so unterschiedlich, wie die Besucher selbst. Bei der Auswahl der drei Ausgangstexte, die unterschiedliche Stimmungen wiederspiegeln wollten, gab es bei den AutorInnen eine leichte Vorliebe für die eher düsteren und melancholischen Stimmungen der ersten beiden Texte Eine unerwartete Begegnung und Schatten der Vergangenheit .

 

Viele Geschichten erzählen von der Konfrontation mit Menschen und Erfahrungen, teils eingebettet in eine Fiktion. Häufig schaffen sich die Schreibenden in den Geschichten Orte, in die sie für eine kurze Weile flüchten oder gänzlich verschwinden können.

Allen gemein ist, dass sie die Sehnsucht nach Geschichten und Märchen erahnen lassen, die man sich gegenseitig am Lagerfeuer erzählen würde. Dabei floss teilweise ein bisschen Seemannsgarn, ein bisschen Fantasie und Grusel, etwas Persönliches und natürlich auch die eigene Weltsicht mit ein. Da wird zuweilen die Liebe zum Hund der Schlüssel für die Rettung der Welt, die von Drachen und Pandas oder dunklen Schattenwesen bevölkert ist. In der eigenen Geschichte ist alles erlaubt.

 

Die versammelten Texte entstanden also unter ungewöhnlichen Bedingungen. Dem Schreiben ging kein Prozess voraus, in dem eine Idee entwickelt und erste Umsetzungsversuche erprobt und immer wieder korrigiert werden konnten. Im Gegenteil, alle Geschichten wurden innerhalb von kurzer Zeit ergänzt und spontan zu Ende geschrieben. Eine Herausforderung, die nicht als Makel empfunden werden sollte, sondern für den Mut und die große Offenheit der AutorInnen spricht.

 

Die handschriftlichen Texte wurden abgetippt und weitestgehend so veröffentlicht, wie sie von den AutorInnen im Café geschrieben wurden. Rechtschreibfehler wurden (fast alle) korrigiert. Grammatik und sprachliche Unebenheiten wurden zurückhaltend behoben und auch inhaltlich wurden kaum Veränderungen vorgenommen, um den ursprünglichen und spontanen Charakter der Texte zu erhalten.

 

Wir danken allen, die sich an der Realisierung des Projektes beteiligt haben und vielleicht auch die Neugier anderer Schreibender geweckt haben.

 

Sollten auch Sie Lust haben, uns eine Geschichte zu schenken, dann sind Sie herzlich dazu eingeladen. Hier finden Sie die drei Eingangsszenerien und können auch eigene Texte hochladen.

 

Viel Spaß bei der Lektüre.

Eine unerwartete Begegnung

An diesem verregneten Samstag waren kaum Menschen auf der Straße zu sehen, und die wenigen, die unterwegs waren, trieb der Wind wie getrocknetes Laub vor sich her. An solchen Tagen brauchte man den Schutz einer Herberge und so kündigte das Klingen der Türglocke in der Bernsteingasse 5 einen neuen Gast an. In dem Raum, den der Besucher eilig betrat, gab es nicht sehr viele Sitzplätze, ein Dutzend, vielleicht auch ein paar mehr. An den Wänden und auf Staffeleien in der Ecke hingen und standen eine Auswahl von Bildern – Sommerimpressionen aus Italien –, die wie für eine Ausstellung aufgebaut waren. Eine etwas in die Jahre gekommene Kaffeemaschine surrte leise im Hintergrund und in der Glastheke stand noch etwas Kuchen. Es war bereits früher Nachmittag und draußen begann es schon langsam zu dämmern. Außer dem späten Besuch war niemand da und die vorsichtige Rufe nach einem Besitzer verhalten unbeantwortet.  Bei dem einsamen Gast machte sich eine Atmosphäre des Unwohlseins breit, das einen nach unangenehmen Träumen befällt, oder wenn man von einer Unbestimmtheit überfallen wird und nicht genau weiß, ob man bleiben oder lieber gehen soll. Der Gast wandte sich daher dem Ausgang zu, doch für einen unbemerkten Abgang war es bereits zu spät, denn plötzlich...

Die Schatten der Vergangenheit

Wenn man von der Hauptstraße an der großen Kreuzung rechts abbog, dann verließ man die  ausgebaute und mit alten Linden gesäumte Prachtstraße mit ihren imponierenden Fassaden und gelangte in eine kleine Gasse, in der sich mehrstöckige Wohnhäuser verschiedenster Epochen und Bausünden der jüngsten Vergangenheit geduldig aneinanderreihten und sich gegenseitig stützten. In den Häusern befanden sich kleine Läden, die gefüllt waren mit den wichtigen und weniger wichtigen Dingen, die man zum Leben in der Stadt so brauchte: Fleisch, Brot, Obst, Gemüse und Blumen; aber auch einen Kiosk und ein Schreibwarengeschäft, das seine besten Zeiten allerdings schon hinter sich hatte.  An Sonnentagen strahlte diese Straße eine heitere Gelassenheit aus, die sich auf all ihre Bewohner übertrug. An dunklen Regen verhangenen Tagen aber kannte sie auch die Schwermut, vor der sich das Leben hinter den Türen in den Wohnungen versteckte. Doch nicht alle mochten an solchen Tagen alleine bleiben, manch einer zog sich lieber in die kleine Wein-Bar am Ende der Gasse zurück, wo man sich bei schwerem Rotwein an die guten Tage und Stunden im Viertel erinnerte, damit sie nicht verloren gingen wie der alte Regenschirm, den man in einem Schirmständer vergessen hatte und ihn erst dann wieder vermisste, wenn man ihn brauchte.

 

Unzählige vergilbte Fotos und Ansichtskarten hingen an den blassen Wänden der Bar. Sie kündeten noch immer vom Glanz der Vergangenheit und sorgten dafür, dass die Menschen und ihre Geschichten nie ganz verloren gingen. Sie blieben Teil einer verschworen Gemeinschaft, von der aber immer weniger erzählen konnten. Die Geschichten und Abenteuer der Gäste gehörten zum Inventar, wie die alten Stühle und der gesprungene Spiegel hinter der Theke. Sie wurden von den Gästen gehegt und gepflegt und nur selten von einer Gegenwart gestört, die ihnen zunehmend fremd wurde. An einem Tag im November jedoch wurde die vertraute Gemeinschaft gestört, ja fast gewaltsam auseinandergerissen. Die alte Tür der Bar wurde  plötzlich und mit einer solchen Heftigkeit aufgestoßen,  dass die Weingläser im Regal erzitterten und in ein mehrstimmiges Konzert ausbrachen. Die Gäste verstummten, als eine dunkle Gestalt in den Salon rannte und panisch schrie … 

Von Menschen Reisen und Kaffee

Es gibt Orte, da verweilen die Menschen nicht lange. Sie kommen, weil sie müssen, denn sie befinden sich auf der Durchreise. Für einen flüchtigen Moment tragen sie dann, so wie ihr Reisegepäck, einen kleinen Teil ihrer Lebensgeschichte in diese Bar hinein. Manche reisen mit leichtem Gepäck und knallen es für alle anderen unüberhörbar auf den Tresen: „Mein Zug geht in wenigen Minuten, bitte beeilen sie sich mit meinem Espresso“. Der Espresso ist für diese Art von Reisenden wie eine zweite Fahrkarte, weil sie den starken, kurzen Kick brauchen und weil es schnell gehen muss. Andere kommen leiser daher, nehmen einen Tisch für sich ein und breiten sich aus. Sie legen ihre Taschen ab, hängen Teile ihrer Kleidung über mehrere Stühle, verteilen ihre Brille, ihr Handy und das noch nicht zu Ende gelesenes Buch auf dem Tisch und werden heimisch. Und dann bestellen sie entweder koffeinfreien Kaffee – wegen der Nerven –,  oder trinken Tee mit Milch – etwas aristokratisch. Die ganz Mutigen oder Aufgeschlossenen unter ihnen versuchen sich sogar an den neusten Geschmacksvariationen eines Chai-Latte oder den hausgemachten eisgekühlten Limonaden.

 

So auch an einem heißen Tag im Juni, an dem viele Menschen der sengenden Hitze für einen kurzen Moment zu entkommen versuchten und sich die Bar in großer Geschwindigkeit füllte. Alle Tische waren bereits besetzt und die Gäste standen in mehreren Reihen vor der Theke. Wie durch ein Wunder hatte es auch ein ‚Chai-Latte’ bis ganz nach vorne geschafft und sich ohne Zögern wie in konzentrischen Kreisen ausgebreitet. Kurze Zeit später, nach einigem Schieben und Drängen, kam auch ein ‚Espresso’ dort an und ohne es zu bemerken, störte er diese Kreise empfindlich ... 

Schreibtermine

Erlebnisse zurückholen, Wünsche in Worte fassen,

den Gedanken Ausdruck verleihen oder einfach mal

mit Zettel und Stift neue Welten kreiren. 

 

Gemeinsam, bei einer guten Tasse Kaffee und einem leckeren Stück Kuchen,

Formen des Schreibens und Skizzierens ausprobieren.

 

am

Montag, 11.09.2017 um 18.00 Uhr 

Im Café Ankoné

Friedrichstr. 3, 33330 Gütersloh

Bitte vorher anmelden: 05241 2120727  oder per Mail an cafe.ankone@gmail.com

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